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Der Glaube an das Original
- muss man sich sein Hirn erst zertrümmern, um den Glauben an das Original nicht mehr zu empfinden
- Original: Herkunft und Auskunft
- Original: eine Bewertung
- Original: Zorn einer Habgier
- man stelle sich vor ein Künstler würde nicht sterben: man könnte ihn niemals besitzen
- ist das Original die Rache am Künstler, der die Mülltonne nicht zu bedienen verstand, oder seine Saat
Der Gedanke des Originals
- dem Gedanken des Originals wohnt die Idee der mangelnden Liebe inne
- dagegen erst die Vervielfältigungen: ist die Vorstudie schon von der Ménage à trois besudelt, so entlädt sich in der Edition erst recht die Polygamie, die Untreue, das Fremdgehen
- der Gedanke des Originals entstammt der Welt der Spießer, er ist ihre Reitpeitsche
- der Gedanke des Originals ist die Idee der Besitzliebe, des Eigentums
- es ist nur recht und wert, was ganz allein für eines – mich, das Geliebte – geschaffen wurde
- das Original als Idee ist Eifersucht: in mich allein ist es geflossen
Die Kopie als Begriff
- diese wundersame Vorstellung, eine Kopie würde sich von einer Kopie unterscheiden
- welche der vielen Kopien hat den Vorzug des Originals, sehr befremdlich, dieses
- als wenn ein Kategorienfehler das Original vor seiner Kopie bewahrt
- als wenn das Original eine gescheiterte Kopie ist
- als wenn das Original eingebaute Vorfahrt besitzt
Jenseits der Abstammung
- das Original zu wollen, das heißt: die scharfe Sauce zu bestellen
- ungenießbar, nur noch nach ‘echt’ schmeckend
- das Bataillon der Härte: eine feine Trennschwelle einziehen, die das selbe in allenfalls ähnliches zersplittert
- die Chancen auf Kunst nach dem Original stehen schlecht – die Chancen auf ein Leben stehen schlecht
- im Original ist nichts wie früher: es sticht die Zeit aus
- die Kopie aber kommuniziert: woher komme ich, wohin gehe ich – wessen Abbild bin ich, wessen Vorlage werde ich sein
- das Original ist tot, es hat keine Verbindung, es ist unberührbar: König und Dalit in einem
Die Instanz der Originalität
- das Original steht unter dem Schutz eines besonderen Sterns: Mercedes (Gnade)
- kein Original ohne Instanz
- kein Original ohne Zertifikat
- ist also das Original eine Folge von Institutionen, quasi ein Nebenprodukt, oder gar deren Notwendigkeit
- braucht der Betrieb sein Material, so erfindet er es auch
- was, wenn es morgen nichts mehr zu beglaubigen gäbe
- das Original aber weiß was es braucht und besorgt sich, womit es kommt und bekommt (so) nicht, was es ist
- spricht nicht aus dem Kunststück, dem Original – dem direkten Ausfluss des Künstlers – so eine Art andauernde Epiphanie
- so ein Glauben an das ‘Ereignis’ – an Zeiten und Räume und Seelen durchklirrende Hufschläge
Die Botschaft des Inhalts
- das Original am Ende gar keine kapitalistische Versuchung
- es ist frömmelnder, religiöser Natur
- es lässt Fragen verstummen
- es ist wie rein, es ist Offenbarung
- siehe da: ich bin dein Glaube
- das ist die Sauce, die schöne, die scharfe
- das ist: lass mich dein Content sein
- ein Original kann nur der Künstler erschaffen – und niemand sonst – wo käme man auch hin?!
- man stelle sich vor, jeder könnte es einem so besorgen wie das Original
Genesis und Geltung
- das Original selbst ist (noch) kein Verbrecher, erst die Kopie macht es dazu
- nichts ist zweimal
- die Kopie zeigt, was das Original verschweigt: seinen Anspruch, seine Vernichtung der Bewegung
- gäbe es das Original nicht, gäbe es Geschichte als Herkunft, als Schicksal, als Geschick – als nötige Wendung, als bedingtes, formal vollzogenes – nicht
- das Wesen des Originals, des Originellen: er hat es gemacht, und ich nehme es entgegen – sprechen so nicht Götter auf gleicher Augenhöhe über Schöpfung und Geschöpftes und Geschöpfe
- rettet das Original nicht die Göttlichkeit seines Besitzers
- ist nicht so die Wollust des Galeristen und Sammlers am Besitz seiner Künstler zu betrachten: als Gefallen am eigenen Werk
- wenn das die Genesis des Künstlers, der Kunst und des Originals ist – als: dem Markt gefiel sein Ebenbild
- was ist dann die Geltung, die Auswirkung
- was macht diese Herkunft für eine Auskunft
- von daher die Kunstwerke als Wiederholung, als andauernden Übersetzungsversuch erfassen
Reismus Reader