Dekonstruktion statt Affective Turn

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Thema

Déconstruction d’Or oder: Warum weiter Dekonstruktion statt Affective Turn? Thesen für ein Bekenntnis zum Erbe der Dialektik
Seit geraumer Zeit erblüht unter den Pionieren des Kunstbetriebes eine neue Geisteshaltung: Affective Turn. Die Hoffnung ist diese: die offenkundige Verknöcherung der gegenwärtigen Denkübungen zu überwinden, die doch so sehr in blanker Redundanz angekommen sind wie seinerzeit der Klassizismus in der Tradition Hegels. Obwohl es derzeit eine Inflation des Turns gibt, sollte nicht vergessen werden, dass der Turn an sich, auf den sich all diese Abkömmlinge beziehen – die Überwindung der Metaphysik der frühen Moderne durch den strukturalistischen Textbegriff – nicht von schlechten Eltern war. Darum kurz zurück zu ihm.

Der Linguistic Turn

Affective Turn nimmt Kredit auf bei Linguistic Turn. Das ist die Idee hinter der Namenswahl. Das ist sehr falsch gedacht und funktioniert nicht. (So wie auch der Neurological Turn oder alles was sonst noch ein Pokerface aufsetzen muss, um mal den Platzhirsch zu markieren.) Warum funktioniert das nicht?!
Kurze Rekapitulation deswegen: Das neue am Linguistic Turn war es, im Gegensatz zur einseitigen Abhängigkeit der analytischen Philosophie, Bidirektionalität zu postulieren. Das – sozusagen – alte Denken gefiel sich darin Hierarchien aufzubauen: Ursache und Wirkung, Ding und Grund, Gesetz und Notwendigkeit. Das alte Denken gefiel sich ebenso darin Stammbäume aufzubauen: Eine Konstruktion vom Ersten, wie etwa dem unbewegten Beweger, zu dessen Ausformulierungen.
Wir übergehen hier für einen kurzen Moment, das weder alle Denker vor, um mal ein Namen zu nennen, Wittgenstein noch jegliche Diskurse um, nennen wir eine Zahl, wiederum dies um präziser zu werden, 1930, blank diesem Muster folgen. Spinoza ist so ein Gegenbeispiel, Aristoteles dagegen die erwartbare Matrix.
Das neue Denken dagegen formulierte Objekte, diese in Relationen – da gibt es kein Erstes. Folge davon, klar, dass der gute Stammbaum, der mit den Wurzeln vom Grund zur Krone der Höhe, in ein instabiles wackeliges Fischernetz umkippte. Diese Unbestimmtheit darin und ebenso die immer mögliche Verneinung der Abbildbarkeit des Einen auf das nun getrennte Andere hat in der Folge die bekannten dunstigen Blüten der Postmoderne getrieben. Deleuze, um mal wieder genauer zu werden.
Wenn jetzt der Affekt auf die Fläche kommt – ja, was bringt er uns denn mit?! Das einzige was er mitbringen kann ist die Differenz zwischen kantischer Wahrnehmung (Ratio) und präsenter Wahrnehmung (Leib), also das alles Geschehen, mithin dass der Verstand an sich als nur noch möglich, aber nicht notwendig erlebt wird – denn die große Botschaft des Körpers ist es: Die Möglichkeiten der Welt werden durch das Befinden der Sinne geordnet. Das ist interessant, denn es erneut den Objektgedanken der Philosophie des 20. Jahrhunderts in gravierender Weise: Diese postulierten, neuen Objekte sind funktional – Sie haben kein notwendiges, seiendes Wesen mit bestimmten Potenzen (Produktion) sondern sind bestimmte Wesen mit unbestimmter Produktion. Die Objekte des Linguistic Turns sind sozusagen entkernt: Sie beinhalten nur noch Vorschriften, diese aber sind sinnlos, denn es existiert keine Instanz mehr, die darüber wacht, dass nur vorhergesehene Werte an vorhergesehenen Stellen eingetragen werden. (An dieser Stelle sollte man nicht vergessen, dass die Bereinigung des Objekts auch von anderen, wenn auch übergangenen und vergessenen Denkern vorangetrieben wurde, so etwa Luhmann). Das ist die Leistung des neu aufgelegten Affekts – und wenn man so will des Affective Turn. Aber es ist eben nur eine, wenn auch purifizierte Essenz des Objektgedankens, sozusagen eine Verschärfung der These.
Der Kick aber, der Affective Turn so sexy macht ist dies: Wenn es keine wachende, regulierende Instanz mehr gibt, dann ist das Wahrgenommene das einzig Denkbare. Es gibt keinen guten Grund mehr die Ratio auch auf die neue Ebene des Affektes zu holen – soll sie sich mal selber retten oder untergehen. Besser untergehen, klar, dann nervt sie nicht mehr. Und das macht den Affekt so hilfreich: Er schaltet die Kritik aus, solange, solange wohlgemerkt, als man glauben kann das bidirektionale Relationen nicht dennoch auf Substanzen zurückverweisen. Wer hat Angst davor seine Substanz im Spiel der Affekte zu ergründen, wie bereits Spinoza das vorschlug – und wer hat was davon, wenn allein leibliche Sensationen das neue Urteil der Kunstkritik darstellen? Was nochmal machen die Adepten des Affective Turn mit Spitzweg, vor Spitzweg, in der Auktion? Kaufen! Spitzweg, dass muss sein.
Ein weit vielversprechender Kandidat, der wohlmöglich den Objektgedanken und dessen inhärente Substanzen auflösen kann ist wohlmöglich das Konzept der Mutation, der Eingriffe und der Fehler. Zurück nun zum neuen Pseudoturn.

Zum Begriff

Was ist das also, Affective Turn? Sinnlich gesprochen: Caspar David Friedrich, mit einer Prise aus ‘Des Knaben Wunderhorn’ und der ‘Gartenlaube’. Theoretisch gesprochen: Der Affective Turn verspricht die erneuerte Gültigkeit einer ungebrochenen Seinsschau, die Möglichkeit der Erlangung einer kontinuierlichen Weltmächtigkeit und die Etablierung gesicherter ästhetischer Wissensbestände.
Und ganz nebenbei ergibt sich das vollständige Aufgehen des Seienden im Wahrnehmenden, die Wiedererlangung des göttlichen Egos und schlicht: Das sensationelle Gefühl der ozeanischen Vereinigung. Die Empfindung ist die reine Wahrheit, es darf wieder gefühlt werden, dass ist der neue Enthusiasmus. Kritik und Ironie sind die Pein von gestern, heute ist die Zeit für Ekstase, so das Heilsversprechen des Affective Turn. Man kann wieder seinen Traum leben, so der Segen des Affective Turn. Und die Postmoderne, das war die schlimme Zeit, in der man sich selber und seinen Wahrnehmungen nicht über den Weg trauen durfte, so das finale Diktum des Affective Turn. Aber gottlob ist der Leib zurück – aber nicht der verdorbene Leib des Hedonismus, sondern der sittliche Leib der Tugend – und genießt sich, ganz eins mit seiner entfesselten Seele.
Für dieses Geschehen muss die Ästhetik herhalten, in einer bestimmten Zurichtung: Der Körper, der gute alte Leib der Phänomenologen, fungiert als – neues, und im starken Sinne der These als einziges – Organ des Seienden, und dieser stellt instantan Welt her. Was will man mehr?!
Darum hier die Frage: Was ist noch mal Welt? Was bedeutet Ästhetik? Warum lieber Dekonstruktion? Und insbesondere: War die Postmoderne so fürchterlich, dass ein Rückfall in Vulgärromantik alles ist, was derzeit noch möglich ist? Oder segelt da was anderes unter der Fahne des Affective Turn?

Lieber Holismus als das

Auch wenn das Denken von Paris VIII (1960-1980) eine verheerende Spur in den zeitgenössischen Diskursen hinterlassen hat, in einem Ausmaß, dass es schwerfällt auch nur einen ihrer Texte positiv zu lesen und auch nur einen Begriff, der in diesem Rahmen eingeführt wurde, einer weiteren Bearbeitung zu unterziehen, so kann diese notwendige Abwahl nicht über die Maßen rigoros erfolgen.
Allerdings: Es sind keine weiteren Worte zu verlieren und keine weiteren Anstrengungen zu unternehmen zu einem Seitenarm dieses Denkens, den man wohl am besten als Ostküstensalonkommunismus oder als Machogehabe im Circus Maximus bezeichnet.
Diese Abwahl ist – um nicht einem der prononciertesten Kontrahenten, den Basta!-Denkern des positiven Rationalismus in die Hände zu spielen – gleichwohl eine freundliche. Aus Vincennes erklang ein Ton wie einst aus dem Dessauer Bauhaus, ein Tonfall, der dem Rekurs auf das Pragma, der Reduktion auf das allein Nützliche und den kleinsten gemeinsamen Nenner, ein Konzept einer offenen Syntax zur Seite stellte, einer holistischen Struktur, die nicht determinierend ist. Die durch das Konzept bedingte immanente Janusköpfigkeit dieser Verhaltenslehre wird als deren gelobte, frohe Botschaft erachtet. Die ethische Rechtfertigung dieses Denkens ist es, dass das Böse, das Falsche, das Verfehlte, das Ungenügende nicht als Feind und Ausgeschlossenes des Guten, des Richtigen, des Anständigen, des Wertvollen angesehen wird, sondern als gleicher Natur, als Mitseiendes, als Homologie.

Lieber Situation als das

Man muss sich nach dem letzten Felsen in der Brandung, nach dem letzten Wetterleuchten der Metaphysik, also nach dem späten Heidegger fragen: Wie weiter? Offenkundig sind Seiendes und Sein in einer Weise durch Zeitliches und Zeit gerahmt, dass der Horizont der Welt zugleich ihr Abschluss ist. Die Transzendenz ist in der Technik in Immanenz umgeschlagen. Diese Technik ist die neue Technik, nicht das Handwerk sondern das Schaltwerk, nicht das Werkzeug sondern das Programm, nicht die Manipulation sondern die Simulation, das bedenke man. Konrad Zuses Z1 ist die Inkunabel dieser Transposition.
Es gibt kein außen mehr, keine Utopie (Befreiung), keine Lösung (New Age), keine Hoffnung (das Andere), keinen Gegenort (Heterotopie), keine Fluchtlinie (Nomadologie). Dieser Zustand der unhintergehbaren Rahmung wird hier als Situation begriffen. Die Situation ist nicht auflösbar, die Situation enthält ihre möglichen Zustände, die Situation beschreibt sich selbst.
Gleichwohl ist das Wesen der Situation, ihre Physik (als Bewegungslehre) nicht ergründbar. Die Postmoderne Pariser Art kann uns darum nicht helfen, denn sie erscheint doch noch als der untote Geist der Metaphysik, sie hintertreibt ihre eigenen Prämissen, weil sie doch immer wieder Sinn zu erlangen glaubt. Das die Universalien nicht abschließend feststellbar sind, heißt aber weder, dass es sie nicht gibt noch dass sie frei fluktuieren. Das es keinen Ausweg aus der hermetischen Situation gibt, heißt ebenso weder, dass es keine anderen Situationen gibt noch das die Situation selbst immer als hermetische erscheinen muss. Aber beides zusammen bedeutet ebenso wenig, Wahrnehmung auf empirischen Positivismus zu reduzieren wie auch Wahrnehmung als relative Beliebigkeit zu exekutieren.

Lieber Emergenz als das

Das es keine Perspektive von außen, keinen weiteren ersetzenden Rahmen gibt, hat zur Folge, dass die Situation nur in sich beschreibbar ist, Aussagen über sie bleiben vorläufig sind und Erkenntnis über sie als unabgeschlossene verbleibt. Obwohl sich die Ereignisse in der Situation in einer Kette, als einander abfolgend realisieren, kann daraus nicht notwendig auf etwaige Regeln geschlossen werden. Vielmehr trifft es zu, dass es zu Emergenzphänomenen im starken Sinne der Emergenzthese kommt – neue Regeln tauchen auf. Dabei verlässt nichts vorhergehendes die Situation, sie erscheint also als widersprüchlich, oder, dies gewendet, als umgedeutet. Dadurch wird etwa Geschichte zu aktueller Geschichte: Es gibt keine historische Bedeutung, nur momentane Repräsentanz.
Naturgesetzlichkeit und im weiteren Sinne mathematisches Denken und logisches Prüfen stellen dagegen in sofern einen Sonderfall dar, als sie eine freie, tendenziell ebenso phantastische wie axiomatische Plansprache ausbilden, die eine unabhängige Gegenwelt implementiert. Kurz: Die Situation existiert, Schwerkraft existiert aber nicht. Ersteres ist ein Geschehen, letzteres ist eine Darstellung.

Lieber Singularität als das

Die momentane Situation ist das aktuelle Verhältnis der Elemente zueinander. Durch deren Positionen werden die Möglichkeiten erzeugt, auch wenn diese nicht absehbar sind. Also ist jede Verschiebung immer ein Eingriff, welches zur Folge hat, dass kein Moment zweimal ist, denn die Situation hat Gedächtnis: Die wiederholte Anordnung ist nicht die ursprüngliche. Ergebnis des ganzen: Sachgemäße Zerlegung der Situation ist nicht möglich, kontinuierliche Beschreibung ist nicht möglich, experimentelle Abwandlung ist nicht möglich. Jeder Moment der Situation ist in sich unbestimmt: Er erhält seine Beschreibung – eben weil die Beschreibung ein Vorgang, ein Eingriff ist – erst durch das folgende, ist im Folgenden aber bereits vergangen, ist nicht diese Situation mehr, sondern ihre Abbildung. Die Situation lebt sozusagen, sie erscheint intelligent, als aktives Gegenüber und kann so als Realisierung des starken anthropischen Prinzips verstanden werden. Die Singularität einer Situation setzt sich so aus zwei Teilen zusammen: Aus der Unbestimmtheit der Möglichkeiten der Pfade einerseits und der Unbestimmtheit der Aktualisierung des Vergangenen durch einen Pfad.

Lieber Rückeinschreibung als das

Was bleibt, so gesehen: Zuwendung auf das Gewesene als sich beständig Erneuerndes, Erinnerungsarbeit also (Mnemosyne), als dynamisches Archiv der erfahrenen Affekte, der Folgen der Begegnungen von Elementen. Dekonstruktion bedeutet ergo nicht sezieren um zur verschleierten Wahrheit, zur prima materia zu gelangen sondern ein gesteigertes Interesse an Wiederbegegnungen, an den Potenzen bestimmter Relationen zu erlangen, an dem was noch möglich und noch nicht wirklich ist. Dekonstruktion ist eine Zerlegung der konkreten Ausformung der Situation, aber nicht als trennendes, scheidendes Grenzen über die Modi der Inklusion und Exklusion, der Hierarchisierung von Ebenen, der kategorischen Teilung.
Dekonstruktion ist Aufmerksamkeit für den Impuls, für die Topologie der Situation, für die enthaltenen Pfade. Dekonstruktion ist Pfadfinderei und insbesondere Wandlungsschau, wie sich das Vorhergehende durch das Geschehende ändert. Offenkundig, dass die stärksten Sinnbilder der Dekonstruktion durch die Architektur und das Design geliefert wurden. Darum das Motto: Dekonstruktion ist Stil, nicht Inhalt. Also: Back to style!

Synopse

Den Leib als Kategorie der Wahrnehmung von der Wahrnehmung selbst abzutrennen und als eigenständige Ästhetik zu etablieren bedeutet nichts anderes als eine zweite Welt zu errichten – so dass man vom Denken zum Fühlen springen kann und umgekehrt. Was soll der Mehrwert davon sein, mal abgesehen von der formalen Inkonsistenz? Warum nicht eine Ästhetik? Weiterhin: Mit dem Feuer spielt man nicht. Die Empfindungen als Urteilskategorie zu etablieren öffnet die Tore, man unterschätze den Leib nicht: Sollen Hass, Wut, Rache, Verachtung, Raserei und so weiter die neuen Handlungsträger sein? Der obige Verweis auf den Club Lebensborn in der ‘Gartenlaube’ war gezielt gewählt. Und weiterhin: Gefühle sind gesetzt, abgeschlossen, in sich statisch. Soll es das gewesen sein? Nicht ein bisschen was vom Offenen, von der Dynamik, vom Unerahnten? Oder geht es nur um Absicherung der ästhetischen Qualität von Kunstbetrachtung und Kunstproduktion im Zeitalter von Auktionsrekorden und traumhaften Gewinnmitnahmen?! Da eignet sich ungebrochene Gefühlsduselei vor dem Werk des Genies natürlich bestens. Letzteres ist mein persönlicher Tip, auch wenn ich glaube dass der Leib in Zeiten der Postmoderne gelinde gesagt eine sehr schwindsüchtige Berücksichtigung zu Teil bekam. Wenn schon Leib, dann saftiger Leib, begehrender Leib, glänzender Leib, Leib der sich einschreibt in die mannigfaltigen Pfade der Situationen. Aber nicht als neuer Sitz der Erkenntnis.

 


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